Getreidefreies Hundefutter und DCM: Was wirklich dahintersteckt
Getreidefreies Hundefutter und Herzerkrankungen – dieses Thema hat seit 2018 für Verunsicherung gesorgt. Die Frage ist berechtigt, die Antwort aber differenzierter als die meisten Schlagzeilen vermuten lassen. Und für BARF-Halter gilt eine andere Ausgangslage als für Halter von Fertigfutter.
Inhalt
- Was passiert bei DCM?
- Die Kaplan-Studie: Was die Forschung zeigt
- Der eigentliche Mechanismus: Taurin, Aminosäuren und Hülsenfrüchte
- Warum BARF hier eine grundlegend andere Ausgangslage hat
- Welche Hunde sind trotzdem besonders gefährdet?
- Was ist mit dem Kohlenhydrat-Argument?
- Praktische Konsequenzen für BARF-Halter
- Häufige Fragen
Was passiert bei DCM?
DCM steht für Dilatative Kardiomyopathie – eine Herzmuskelerkrankung bei der die Pumpkraft des Herzens nachlässt. Das Herz weitet sich (dilatiert), weil es das Blutvolumen nicht mehr effizient pumpen kann. Folgen sind Leistungsschwäche, Atemnot, Husten und im schlimmsten Fall Herzversagen.
Genetisch bedingte DCM tritt vor allem bei bestimmten Rassen auf: Dobermann, Irischer Wolfshund, Boxer, Dalmatiner und Deutsche Dogge gelten als prädisponiert. Was ab 2018 auffiel: Auch Rassen ohne bekannte genetische Prädisposition – besonders Golden Retriever – erkrankten vermehrt. Und fast alle betroffenen Hunde fraßen getreidefreies Fertigfutter mit hohem Hülsenfrüchteanteil.
Die Kaplan-Studie: Was die Forschung zeigt
Kaplan et al. (2018) untersuchten in PLOS ONE den Zusammenhang zwischen getreidefreien Diäten und DCM bei Golden Retrievern. Die Studie zeigte: Hunde die getreidefreies Futter mit hohem Hülsenfrüchteanteil bekamen, wiesen deutlich niedrigere Taurinspiegel im Blut auf – und ein erhöhtes Risiko für Herzveränderungen im Ultraschall.
Das Besondere an diesen Fällen: Viele der betroffenen Hunde verbesserten sich, als ihnen Taurin supplementiert und das Futter gewechselt wurde. Das legt nahe, dass Taurinmangel eine zentrale Rolle spielte – nicht das Fehlen von Getreide an sich.
Der eigentliche Mechanismus: Taurin, Aminosäuren und Hülsenfrüchte
Hier liegt der Kern, den die meisten Artikel übersehen. Das Problem ist nicht "getreidefrei" – das Problem ist die Kombination aus drei Faktoren:
Faktor 1: Hülsenfrüchte als Proteinersatz
Viele getreidefreie Fertigfutter ersetzen Getreide durch Hülsenfrüchte – Erbsen, Linsen, Kichererbsen – als günstige Proteinquelle. Hülsenfrüchte enthalten jedoch Antinährstoffe (Phytate, Lektine), die die Aufnahme von Aminosäuren im Darm behindern können.
Faktor 2: Taurin und seine Vorstufen
Taurin ist eine schwefelhaltge Aminosäure die der Hund – anders als die Katze – theoretisch selbst synthetisieren kann. Die Vorstufen dafür sind Methionin und Cystein. Wenn die Bioverfügbarkeit dieser Aminosäuren durch Antinährstoffe aus Hülsenfrüchten gestört wird, kann die körpereigene Taurin-Synthese einbrechen – auch wenn nominell genug Protein im Futter ist.
Faktor 3: Gallensäure-Bindung
Ein weiterer Mechanismus: Hülsenfrüchte können die Ausscheidung von Gallensäuren erhöhen. Gallensäuren werden im Körper aus Taurin und anderen Verbindungen gebildet. Mehr Gallensäure-Ausscheidung bedeutet mehr Taurin-Verbrauch – was den Spiegel weiter senkt.
Warum BARF hier eine grundlegend andere Ausgangslage hat
BARFbike ist überzeugt: Die DCM-Debatte betrifft Fertigfutter-Halter – nicht BARF-Halter, die auf echtes Fleisch setzen. Der Grund ist einfach: BARF enthält von Natur aus Taurin in relevanten Mengen, weil Taurin direkt im Muskelfleisch, in Innereien und besonders im Herz vorkommt.
| Lebensmittel | Taurin mg/100g |
|---|---|
| Rinderherz | ca. 65 mg |
| Rinderleber | ca. 68 mg |
| Rinderzunge | ca. 175 mg |
| Rindfleisch Muskelfleisch | ca. 43 mg |
| Hühnerfleisch | ca. 34 mg |
| Getreide / Hülsenfrüchte | 0 mg |
Wer barft, verfüttert täglich rohes Muskelfleisch, Pansen und Innereien – und damit natürliche Taurinquellen. Das Problem der getreidefreien Fertigfutter entsteht nicht durch die Abwesenheit von Getreide, sondern durch die Anwesenheit von Hülsenfrüchten als Proteinbasis statt echtem Fleisch. Beim BARF ist die Proteinbasis immer echtes Fleisch.
Welche Hunde sind trotzdem besonders gefährdet?
Es gibt Hunderassen, bei denen DCM und Taurinmangel auch ohne Fertigfutter-Probleme auftreten können – genetisch bedingt oder rassetypisch:
Golden Retriever scheinen eine besondere Empfindlichkeit für Taurinmangel zu haben, die über das normale Maß hinausgeht. Bei dieser Rasse ist eine ausreichende Taurinversorgung unabhängig vom Fütterungskonzept wichtig.
Dobermann, Irischer Wolfshund, Dalmatiner, Deutsche Dogge, Boxer haben eine genetische Prädisposition für DCM. Bei diesen Rassen ist DCM kein ernährungsbedingtes Problem – sondern ein züchterisches.
Bei prädisponierten Rassen und Golden Retrievern, die gebarft werden, kann eine gezielte Taurin-Supplementierung sinnvoll sein – in Absprache mit einem Tierarzt der Erfahrung mit Rohfütterung hat.
Was ist mit dem Kohlenhydrat-Argument?
Aus der DCM-Debatte wurde in Medien und von Fertigfutter-Herstellern schnell die Schlussfolgerung gezogen: Hunde brauchen Kohlenhydrate, also Getreide, um gesund zu bleiben. Das ist eine Fehlinterpretation.
Hunde haben keinen Kohlenhydratbedarf. Die Axelsson-Studie (2013) zeigt zwar, dass Hunde im Zuge der Domestikation eine verbesserte Stärkeverdauung entwickelt haben – das bedeutet aber nicht, dass Kohlenhydrate notwendig sind. Getreide ist für Hunde verwertbar, aber nicht erforderlich.
Das DCM-Problem entstand nicht durch fehlende Kohlenhydrate, sondern durch eine spezifische Futterkategorie: getreidefreies Fertigfutter mit Hülsenfrüchten als Hauptproteinquelle. Das ist ein Fertigfutter-Problem, kein Getreidefrei-Problem.
Praktische Konsequenzen für BARF-Halter
Wer seinen Hund barft, muss sich um DCM durch Taurinmangel aus ernährungsbedingten Gründen keine Sorgen machen – solange die Ration ausreichend Muskelfleisch und Innereien enthält. Ein paar Punkte die trotzdem relevant sind:
Herz als Komponente: Rinderherz hat mit ca. 65 mg Taurin pro 100g einen der höchsten Werte unter den gängigen BARF-Zutaten. Wer Herz regelmäßig in die Ration einbaut, sorgt automatisch für gute Taurinversorgung.
Keine Hülsenfrüchte als Proteinbasis: Wer BARF mit größeren Mengen Hülsenfrüchten ergänzt – etwa Linsen oder Kichererbsen als günstige Füller – sollte das überdenken. Hülsenfrüchte sind in kleinen Mengen als Gemüseanteil unproblematisch, aber nicht als Proteinersatz.
Genetisch prädisponierte Rassen: Bei Dobermann, Irischem Wolfshund und Co. gehört DCM zum Rasserisiko – unabhängig vom Futter. Regelmäßige Herzuntersuchungen sind hier sinnvoll, egal ob gebarft oder nicht.
Golden Retriever gezielt im Blick behalten: Bei dieser Rasse sind Taurinspiegel-Kontrollen beim Tierarzt eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme – auch bei BARF-Ernährung.
Was sich festhalten lässt
- DCM durch Ernährung ist ein reales Problem – aber kein BARF-Problem
- Das eigentliche Problem: getreidefreies Fertigfutter mit Hülsenfrüchten als Proteinbasis stört die Taurin-Bioverfügbarkeit
- Taurin steckt in echtem Fleisch – Rinderherz (65mg), Rinderleber (68mg), Zunge (175mg)
- BARF liefert Taurin natürlich – wer Muskelfleisch und Innereien füttert, hat kein Taurin-Problem
- Kein Kohlenhydratbedarf: DCM entstand nicht durch fehlendes Getreide, sondern durch Hülsenfrüchte als Fleischersatz
- Genetisch prädisponierte Rassen (Dobermann, Wolfshund, Boxer) erkranken unabhängig vom Futter – züchterisches Problem
- Golden Retriever: erhöhte Taurin-Empfindlichkeit – Taurinspiegel beim Tierarzt kontrollieren lassen
- Herz als Zutat regelmäßig einbauen – beste natürliche Taurinquelle beim BARF
Hinweis: Dieser Artikel gibt fachliche Orientierung auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen. Er ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei Symptomen wie Leistungsschwäche, Husten oder Atemnot sollte immer ein Tierarzt konsultiert werden.
Häufige Fragen
Ist getreidefreies Hundefutter schädlich fürs Herz?
Der diskutierte Verdacht betrifft getreidefreies Trockenfutter, das stark auf Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen setzt – die FDA brachte solche Sorten mit niedrigen Taurinwerten und DCM-Fällen in Verbindung. Belegt ist bislang ein Zusammenhang, keine eindeutige Ursache. Wichtig: Es geht um extrudierte Kroketten, nicht um die Rohfütterung.
Was ist DCM beim Hund?
DCM steht für dilatative Kardiomyopathie – eine Herzmuskelschwäche, bei der sich das Herz erweitert und an Pumpkraft verliert. Unbehandelt führt das zur Herzinsuffizienz. Es gibt rein genetische Formen und Formen, die mit der Fütterung zusammenhängen können.
Welche Hunderassen sind besonders anfällig für DCM?
Genetisch prädisponiert sind vor allem große Rassen wie Dobermann, Deutsche Dogge, Irischer Wolfshund und Neufundländer. Beim Golden Retriever fiel zusätzlich eine Form auf, die mit niedrigen Taurinwerten verknüpft ist.
Wie erkenne ich die ersten Anzeichen von DCM?
Frühe Hinweise sind Leistungsschwäche, schnelle Ermüdung, Husten und Atemnot. Das Tückische: DCM bleibt lange symptomlos und lässt sich sicher nur per Herzultraschall feststellen – bei Verdacht gehört der Hund zum Tierarzt.
Ist die Rohfütterung vom DCM-Risiko betroffen?
Die für getreidefreie Kroketten diskutierte Konstellation – viel Hülsenfrucht, wenig tierisches Protein – entsteht beim BARF gar nicht erst. Über Fleisch und Innereien wie Herz, Zunge und Leber liefert eine Rohration von Natur aus reichlich Taurin.
Sascha Wiengarn
Gründer & Geschäftsführer von BARFbike. Schreibt über artgerechte Rohfütterung aus der Praxis eines Berliner BARF-Lieferdienstes. Mehr über BARFbike