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Praxis & Handhabung

Rohes Schweinefleisch und Aujeszky: Warum Schwein beim BARFen tabu ist

Rohes Schweinefleisch ist die eine absolute Grenze beim BARFen – nicht wegen Salmonellen oder Keimen, sondern wegen eines Virus, gegen den es keine Impfung und keine Behandlung gibt: dem Aujeszky-Virus. Für Hunde verläuft eine Infektion immer tödlich. Dieser Beitrag erklärt, warum diese Regel ohne Ausnahme gilt, woher das Risiko konkret kommt und was du im Alltag beachten musst.

Die eine BARF-Regel, die keine Ausnahme kennt

  • Kein rohes Schweinefleisch, keine rohen Schweineinnereien, keine rohen Schweineknochen – weder vom Metzger noch aus dem Supermarkt noch vom Jäger.
  • Gilt auch für Wurstwaren, rohe Schweineohren und Kauartikel aus Schwein in roher Form.
  • Durchgegartes Schweinefleisch ist unbedenklich – das Virus wird durch ausreichendes Erhitzen zerstört.
  • Menschen sind nicht gefährdet – das Aujeszky-Virus ist keine Zoonose.

Was ist die Aujeszkysche Krankheit?

Die Aujeszkysche Krankheit (kurz: AK), auch Pseudowut, Juckseuche oder Pseudorabies genannt, ist eine Herpesvirusinfektion (Herpes-suis-Virus 1, SHV-1). Das Schwein ist der natürliche Wirt – es trägt das Virus oft lebenslang, ohne schwer zu erkranken. Für fast alle anderen Säugetiere – Hunde, Katzen, Rinder, Schafe – ist eine Infektion dagegen tödlich. Die einzigen natürlichen Ausnahmen sind Primaten und Pferdeartige. Menschen sind nicht betroffen und können sich nicht infizieren.

In Deutschland gilt die AK bei Hausschweinen seit 2003 als getilgt. Bei Wildschweinen kommt das Virus jedoch weiterhin vor – mit regional unterschiedlichem Auftreten. Im Herbst und Winter 2025 wurden neue Fälle aus Mecklenburg-Vorpommern gemeldet. Die Gefahr ist real und aktuell.

Wie infiziert sich ein Hund?

Der mit Abstand häufigste Infektionsweg: der Hund frisst rohes, infiziertes Schweinefleisch oder kommt mit Wildschweinresten (Aufbruch, Kadaver, Knochen) in Kontakt. Auch Schleimhautkontakt mit Wunden oder Blut eines infizierten Tieres kann reichen. Das Virus überlebt in der Umgebung mehrere Wochen – in gepökeltem Fleisch bis zu 20 Tage, bei 25 °C in der Umwelt bis zu 40 Tage. Einfrieren tötet es nicht ab; nur Erhitzen über 55 °C oder chemische Desinfektionsmittel auf Chlor- oder Ammoniumbasis inaktivieren es zuverlässig.

Welche Symptome zeigt ein infizierter Hund?

Die Inkubationszeit beträgt wenige Tage. Dann treten die Symptome meist plötzlich auf:

  • Intensiver Juckreiz – vor allem am Kopf (Stirn, Ohren, Wangen, Lippen), der Hund kratzt sich bis zur Selbstverletzung
  • Unruhe, Fieber, Appetitlosigkeit
  • Zentralnervöse Symptome: Taumeln, Krämpfe, Lähmungserscheinungen
  • Rasanter Verlauf: vom ersten Symptom bis zum Tod vergehen meist nur ein bis drei Tage

Es gibt keine Impfung und keine ursächliche Behandlung. Wer den Verdacht hat, dass sein Hund Kontakt mit rohem Schwein oder Wildschweinfleisch hatte und diese Symptome zeigt, muss sofort eine Tierklinik aufsuchen und das Veterinäramt informieren – die Aujeszkysche Krankheit ist anzeigepflichtig.

Hausschweinfleisch vom Metzger – ist das nicht sicher?

Offiziell gilt Deutschland bei Hausschweinen seit 2003 als AK-frei, und kontrolliertes Fleisch aus zugelassenen Schlachtbetrieben ist faktisch sehr sicheres Fleisch. Trotzdem gilt die einfache Regel: kein rohes Schweinefleisch für den Hund – egal woher. Der Grund ist pragmatisch: Das Risiko ist zwar gering, aber das Ergebnis einer Infektion ist immer tödlich und es gibt keine zweite Chance. Diese Kosten-Risiko-Abwägung ist eindeutig, wenn man bedenkt, dass Schweinefleisch im BARF-Plan durch viele andere Proteinquellen vollständig ersetzt werden kann.

Das größere Risiko: Wildschweine

Die reale Hauptgefahr kommt nicht vom Metzger, sondern aus dem Wald. Wildschweine sind das natürliche Reservoir des Virus in Deutschland. Ein Hund, der beim Spaziergang Wildschweinreste, Aufbruch oder Kadaver frisst oder intensiv beschnuppert, ist gefährdet. Das gilt besonders in waldreichen Gebieten und während der Jagdsaison (Oktober bis Februar), wenn frischer Aufbruch im Wald liegt.

Für BARFende Berliner Hundehalter ist das besonders relevant: Im Grunewald, im Düppeler Forst und anderen Auslaufgebieten sind Wildschweine heimisch. Ein zuverlässiger Rückruf und kein unbeaufsichtigtes Freilaufen im Dickicht sind der beste Schutz.

Was ist mit gekochtem Schweinefleisch?

Vollständig durchgegarter Schweinebraten, gekochte Schweineleber oder gut erhitztes Schweinefleisch sind für Hunde unbedenklich – das Virus wird durch ausreichende Hitze (über 55 °C Kerntemperatur) zuverlässig inaktiviert. Im BARF-Kontext ist das aber etwas akademisch: Wer BARFt, will rohes Fleisch verfüttern, und rohes Schwein kommt aus den oben genannten Gründen nicht in Frage. Für die gekochte Variante: Hund fressen lassen ist ok, aber es ist kein BARF mehr.

Was bedeutet das konkret im Alltag?

Checkliste: So schützt du deinen Hund

  • Kein rohes Schweinefleisch, keine rohen Innereien oder Knochen vom Schwein – in keiner Form, von keiner Quelle.
  • Keine rohen Schweineohren oder Kauartikel aus rohem Schwein (im Handel teils angeboten – genau prüfen).
  • Beim Spaziergang im Wald: Hund im Blick behalten, Rückruf trainieren, kein Fressen von unbekannten Resten.
  • Jagdhunde und Hunde in wildschweindichten Gebieten besonders im Herbst/Winter im Auge behalten.
  • Verdacht auf Kontakt + Symptome (Juckreiz, Unruhe, Krämpfe): sofort Tierklinik + Veterinäramt.

Häufige Fragen

Kann ich meinem Hund Leberwurst oder Blutwurst als Leckerli geben?

Nein – rohe oder nicht ausreichend erhitzte Wurstwaren aus Schwein sind genauso riskant wie rohes Schweinefleisch. Fertig gegarte, industriell hergestellte Wurst in sehr kleinen Mengen ist ein anderes Thema, aber kein BARF-Bestandteil.

Sind Schweineohren aus dem Zoohandel sicher?

Geräucherte oder getrocknete Schweineohren sind in der Regel ausreichend erhitzt und damit unbedenklich. Rohe oder nur halbgetrocknete Varianten können jedoch noch virales Material enthalten – im Zweifel nachfragen oder meiden.

Mein Hund hat im Wald etwas gefressen, das nach Wildschwein aussah. Was tun?

Ruhig bleiben, den Hund genau beobachten und in den nächsten 48–72 Stunden auf Symptome achten: Juckreiz am Kopf, Unruhe, Fieber. Bei ersten Anzeichen sofort Tierklinik – keine Zeit verlieren.

Warum ist Aujeszky gefährlicher als Salmonellen?

Weil es keine Behandlung und keine Impfung gibt und der Verlauf bei Hunden immer tödlich ist. Salmonellen können behandelt werden, und gesunde Hunde überstehen eine Infektion oft ohne schwere Symptome. Aujeszky gibt diese Chance nicht. Mehr zu Salmonellen beim BARFen im Beitrag: Salmonellen beim BARFen.

Sascha Wiengarn, Gründer von BARFbike, mit Hündin Ciara

Sascha Wiengarn

Gründer & Geschäftsführer von BARFbike. Schreibt über artgerechte Rohfütterung aus der Praxis eines Berliner BARF-Lieferdienstes. Mehr über BARFbike